Gewalt
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Das Wichtigste in Kürze
Gewalt kann aus gesundheitlicher Sicht in Anlehnung an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) [World Health Organization 2014] in drei Bereiche eingeteilt werden, die darauf Bezug nehmen, von wem die Gewalt ausgeht: Gewalt gegen die eigene Person, interpersonelle Gewalt und strukturelle/institutionelle Gewalt:
- Als Gewalt gegen die eigene Person gelten suizidales Verhalten und Selbstverletzung (siehe auch Suizidprävention im Kanton Zürich sowie den Leitfaden für Schulen «Suizidalität im Jugendalter»).
- Interpersonelle Gewalt bezieht sich auf physische und psychische Formen der Gewalt, die zwischen Personen mit unterschiedlicher körperlicher und/oder sozialer Macht stattfinden. Die Gewalt geht von Einzelpersonen oder Gruppen aus und beinhaltet jede ausgeführte oder auch angedrohte Handlung mit der Absicht, eine andere Person zu schädigen. Dazu zählen körperliche Angriffe, Erpressung, Mobbing, Sachbeschädigung, Diebstahl, sexualisierte und häusliche Gewalt (siehe auch Webseite zur Umsetzung der Istanbul-Konvention in Schulen).
- Strukturelle/institutionelle Gewalt bezeichnet die gegen eine Gruppe gerichtete instrumentalisierte Gewaltanwendung durch Menschen, die sich als Mitglieder einer Gruppe begreifen und damit politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Ziele durchsetzen wollen. Diese Gewalt geht nicht von einzelnen Täter:innen aus, sondern ist die Folge von gesellschaftlichen Bedingungen.
Gewalt ist nicht auf eine einzige Ursache zurückzuführen; Gewalt ist das Ergebnis des komplexen Zusammenspiels von vielen Einflussfaktoren auf unterschiedlichen Ebenen. Bei den Ursachen von Gewalt müssen individuelle Merkmale sowie Einflüsse von Bezugspersonen, der Lebensumwelt und gesellschaftliche Faktoren einbezogen werden [Gugel 2007, Kunz u. Engler 2013, Ribeaud u. Loher 2022].
Gewalt in der Schule
Gewalt in der Schule kann physische, psychische, verbale, strukturelle und digitale Formen annehmen. In den letzten Jahren hat sie sich zunehmend auch in digitale Räume verlagert [Külling-Knecht et al. 2024].
Die neueste Studie der Schulgesundheitsdienste der Stadt Zürich aus dem Schuljahr 2022/2023 zeigt, dass rund ein Viertel der Jugendlichen regelmässig von verbalen oder körperlichen Angriffen betroffen ist (Mädchen: 26 Prozent, Jungen: 22 Prozent). 11 Prozent der Mädchen gaben an, in einem Zeitraum von zwei Monaten mindestens monatlich zwei- bis dreimal oder häufiger unangenehme Nachrichten von Jugendlichen über soziale Medien (zum Beispiel Tiktok, Snapchat, Instagram, Whatsapp) erhalten zu haben (der Wert bei den Jungen liegt mit 3 Prozent deutlich tiefer). Dazu kommen körperliche Angriffe wie Schlagen oder Treten sowie Entwenden oder Beschädigen persönlicher Gegenstände [Hunold u. Papandreou 2023].
Mobbing ist die häufigste Gewaltform in der Schule. Wer betroffen ist, kann psychosomatische Beschwerden davontragen, die bis ins Erwachsenenalter anhalten können [Erzinger et al. 2023]. Dabei hat Cybermobbing in den letzten Jahren stark zugenommen. Durch digitale Medien und soziale Plattformen kann Mobbing rund um die Uhr stattfinden und die Belastung für Betroffene verstärken. Die WHO schätzt, dass in Europa jedes sechste Kind betroffen ist [WHO 2024]. Die Aktuelle Forschung zeigt zudem deutliche Zusammenhänge mit Angst, Depression und reduziertem Wohlbefinden [Kasturiratna et al. 2025, Agustiningsih et al. 2024].
Der Einfluss von neuen bzw. digitalen Medien auf Gewaltereignisse kann nicht klar dargelegt werden. Neuere Forschungsarbeiten unterscheiden zwischen Gewaltdarstellungen in Medien (zum Beispiel Games, Filme) und digitalen Gewaltakten wie Cybermobbing, Sextortion oder Online-Grooming. Entscheidend ist weniger die mediale Gewalt an sich, sondern der soziale Kontext und bestehende Risikofaktoren. Internationale Studien betonen, dass insbesondere vulnerable Jugendliche ein erhöhtes Risiko tragen [Kasturiratna et al. 2025, WHO 2024]. Gemäss Heimann und Fritsche wird es dann kritisch, wenn gegensteuernde Einflüsse fehlen oder eine Problemgruppenzugehörigkeit besteht [Heimann u. Fritsche 2020].
Eine weitere Form von Gewalt, welche den Schulalltag massgeblich beeinflusst, sind körperliche und verbale Übergriffe auf Lehrpersonen. Die Fälle von Drohungen und tätlichen Angriffen gegenüber Lehrpersonen haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Laut einer Studie aus Deutschland, welche im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) vom Forschungsinstitut Forsa durchgeführt wurde, gibt rund jede zweite Schule an, dass Gewalt gegen Lehrpersonen vorgekommen ist. Dabei handelte es sich in 26 Prozent der Fälle um körperliche Angriffe [Forsa 2018].
Schulische Gewaltprävention
Schulische Gewaltprävention sollte immer die unterschiedlichen Handlungsfelder Individuum, Schule, Familie und Freizeit berücksichtigen. Die Massnahmen auf der Ebene Verhältnisprävention zielen auf eine Verbesserung des Sozialklimas in der Klasse und im Schulhaus mit einer demokratischen, wertschätzenden und integrativen Schulkultur ab. Von zentraler Bedeutung ist die Beziehungsarbeit der Lehrpersonen, ein Schüler:innenorientierter Unterricht mit kooperativen Lehr- und Lernformen sowie dass die Schüler:innen in die Unterrichtsgestaltung einbezogen werden, damit sie sich als mitentscheidende und gestaltende Kraft erfahren können [Bergert et al. 2015, Fabian et al. 2014, Gugel 2007, Rump-Räuber2014, Steiner 2009].
Auf der Ebene der Verhaltensprävention ist das Ziel, den Schüler:innen Informationen über Konfliktentstehung und Konfliktverläufe zu vermitteln («Wissen»), sie für das Thema Gewalt zu sensibilisieren und zu motivieren, sich mit Konflikten aktiv auseinanderzusetzen («Wollen»), und ihnen fachliche und überfachliche Kompetenzen auf den Weg zu geben, damit sie Konflikte konstruktiv lösen können («Können»). Im Zentrum steht die Entwicklung sozialer Kompetenzen, wie Kooperationsfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Reflexionsfähigkeit und Selbstkompetenz.
Aktuelle Handlungsansätze und Programme
Elternzusammenarbeit
Eltern sollen kontinuierlich in die Verläufe involviert sein und Möglichkeiten zur Mitwirkung nutzen können. Wenn es zu Gewaltvorfällen kommt, liegt es im Ermessen der Lehrperson, die Eltern darüber zu informieren, wobei zwischen Bagatellfällen, Wiederholungstaten oder auch schweren Gewalttaten (etwa Drohungen, sexuelle Übergriffe) unterschiedliche Vorgehensweisen angestrebt werden. Dabei kann Unterstützung durch Fachpersonen nötig werden.
Forschungsbefunde zeigen, dass Elterntrainings (zum Beispiel Triple P, Familienstärkungsprogramme) einen positiven Einfluss auf Gewaltprävention haben können [Steiner 2009]. Zudem gewinnt die digitale Kommunikation mit Eltern (Elternplattformen, Messenger-Dienste) zunehmend an Bedeutung – mit Chancen für niedrigschwellige Information, aber auch Risiken wie Missverständnissen oder Konfliktpotenzial [WHO 2024].
Classroommanagement
Eine Strukturierte Klassenführung, klare Regeln und Beziehungspflege fördern das Lernklima, wirken präventiv gegen aggressives Verhalten und vermindern Belastungen sowohl auf Ebene der Lernenden als auch der Lehrenden [Eichhorn 2018, Hunold u. Papandreou 2023]. Es gibt neben einer Vielzahl von Angeboten von Fachstellen auch verschiedene Präventions- und Interventionskonzepte für Schulen und Lehpersonen, welche ergänzend im Unterricht eingesetzt werden können.
Fachstellen
Häusliche Gewalt
- Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann EBG
- Istanbul-Konvention: Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt
- IST – Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt
Sexuelle Gewalt
- Limita – Fachstelle zur Prävention sexueller Ausbeutung
- Schweizerische Kriminalprävention, sexuelle Gewalt (SKPPSC)
Mobbing/Cybermobbing
Kontakt
Empfohlene Webseiten und Broschüren
Webseiten
- Sicherheit an Schulen (Bildungsdirektion Kanton Zürich)
- Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention
- Jugendintervention der Kantonspolizei Zürich
- Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) im Kanton Zürich
- kjz – Kinder- und Jugendhilfezentren
- Schulpsychologische Dienste des Kantons Zürich
- Schulsozialarbeit
- Schul- und Sportdepartement der Stadt Zürich – Jugendgewalt
Broschüren
Zusätzlich zu den Webseiten stehen Schulen und Fachpersonen verschiedene Broschüren und Leitfäden zur Verfügung. Diese bieten praxisnahe Informationen, wissenschaftlich fundierte Hintergründe sowie konkrete Handlungsempfehlungen zu unterschiedlichen Gewaltformen und Präventionsstrategien.
Die nachfolgenden Materialien sind frei verfügbar und können im Unterricht, in der Elternarbeit oder in der schulischen Präventionsplanung eingesetzt werden.
Literaturverzeichnis
Agustiningsih, Nia, Ah. Yusuf, Ahsan Ahsan, und Qori Fanani (2024) The impact of bullying and cyberbullying on mental health: a systematic review.
International Journal of Public Health Science (IJPHS) 13 (2): 513~520.
Bergert, Michael, Kari-Maria Karliczek, und Albrecht Lüter (2015) Gewalterfahrung und Lebenslage. Eine Dunkelfelduntersuchung an Schulen in Berlin.
Berlin: Landeskommission Berlin gegen Gewalt.
Bilz, Ludwig, und Saskia M. Fischer (2019) Kooperativer Interventionsansatz bei Mobbing im Schulkontext.
Cottbus: Brandenburgische Technische Universität.
Eichhorn, Christoph (2018) Classroom-Management: Wie Lehrer, Eltern und Schüler guten Unterricht gestalten.
10. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta.
Erzinger, Andrea B., Giang Pham, Oliver Prosperi, und Miriam Salvisberg (2023) PISA 2022. Die Schweiz im Fokus.
Bern: Universität Bern.
Fabian, Carlo, Nadine Käser, Tanja Klöti, und Nicole Bachmann (2014) Good-Practice-Kriterien für die Prävention von Jugendgewalt in den Bereichen Familie, Schule und Sozialraum.
Bern: Bundesamt für Sozialversicherungen.
forsa (2018) Gewalt gegen Lehrkräfte aus Sicht der Schulleiterinnen und Schulleiter. Ergebnisse einer bundesweiten Repräsentativbefragung.
Berlin: forsa Politik- und Sozialforschung GmbH. Zugriff 24.8.2025.
Gugel, Günther (2007) Gewalt und Gewaltprävention: Grundfragen, Grundlagen, Ansätze und Handlungsfelder von Gewaltprävention und ihre Bedeutung für die Entwicklungszusammenarbeit.
2. Aufl. Tübingen: Institut für Friedensforschung.
Heimann, Rudi, und Jürgen Fritzsche (2020) Gewaltprävention in Erziehung, Schule und Verein.
Wiesbaden: Springer.
Hunold, Claude, und Alexandra Papandreou (2023) Gesundheit von Schüler*innen der Stadt Zürich. Resultate der Befragung Schuljahr 2022/2023.
Zürich: Schulgesundheitsdienste der Stadt Zürich.
Kasturiratna, K. T. A. Sandeeshwara, Andree Hartanto, Crystal H. Y. Chen, Eddie M. W. Tong, und Nadyanna M. Majeed (2022) Umbrella review of meta-analyses on the risk factors, protective factors, consequences and interventions of cyberbullying victimization.
Nature Human Behaviour 9 (1): 101–132.
Külling-Knecht, Céline, Gregor Waller, Isabel Willemse, Svenja Deda-Bröchin, Lilian Suter, Pascal Streule, Nicolò Settegrana, Mirjam Jochim, Jael Bernath, und Daniel Süss (2024) JAMES – Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz.
Zürich: Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
Kunz, Haennes, und Jürg Engler (2013) Gewaltprävention in der Schule. Fachliche Grundlagen – Schulbezogene Aspekte – Haltungen und Schwerpunkte/Ausrichtung – Umsetzung.
St. Gallen: Bildungsdepartement Kanton St.Gallen, Amt für Volksschulen.
Ribeaud, Denis, und Michelle Loher (2022) Entwicklung von Gewalterfahrungen Jugendlicher im Kanton Zürich 1999–2021. Forschungsbericht.
Zürich: Jacobs Center for Productive Youth Development, Universität Zürich.
Rump-Räuber, Michael (2014) Möglichkeiten und Grenzen schulischer Gewaltprävention.
In: Nachhaltige Prävention von Kriminalität, Gewalt und Rechtsextremismus: Beiträge aus Wissenschaft und Praxis, hrsg. v. Wilfried Schubarth, 373–389. Potsdam: Universitätsverlag Potsdam.
Steiner, Olivier (2009) Neue Medien und Gewalt.
In Beiträge zur sozialen Sicherheit. Expertenbericht 04/09. Bern: Bundesamt für Sozialversicherungen.
World Health Organization (WHO) (2014) Global status report on violence prevention 2014.
Geneva: WHO Press.
World Health Organization (WHO) (2024) One in six school-aged children experiences cyberbullying, finds new WHO/Europe study.
Copenhagen: WHO/Europe Press.
Letzte Aktualisierung: 24. August 2026